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Legasthenie und Augen-Bewegungen


Inhalt:


Definition

Als Legasthenie bezeichnet man eine isoliert auftretende Beeinträchtigung der Lese- und Rechtschreib-Fähigkeit ohne sonstige Defizite in der allgemeinen Intelligenz.

Ein Gremium von 10 Wissenschaftlern aus 5 Ländern hat anläßlich eines Experten-Colloquiums in Greifswald 1997 dazu eine gemeinsame Stellungnahme zu Legasthenie erarbeitet. Darin wird festgestellt, daß Legasthenie eine neuro-biologisch bedingte Erscheinung ist, deren Ursachen sehr vielfältig sein können.

Legasthenie und Augen-Bewegungen

Legasthenie wurde oft als Störungen in der Entwicklung des Sprechens oder Hörens angesehen. In jüngerer Zeit werden aber auch bestimmte Seh- und Hör-Schwierigkeiten als mögliche Ursachen von Legasthenie diskutiert.

Schwierigkeiten mit der Kontrolle der Augen-Bewegungen werden auch als mögliche Ursache angesehen, weil die Augenbewegungen von Legasthenikern beim Lesen ungewöhnliche Muster zeigen. Dabei bleibt es zunächst unklar, ob diese Abweichungen Eigenschaften des optomorischen Systems sind oder eine Folge der Schwierigkeiten der Sprach-Verarbeitung.

Sakkadische Augenbewegungen wurden wiederholt gemessen in nicht kognitiven Aufgaben, jedoch blieb das Auftreten einer erhöhten Zahl von Rückwärs-Schritten während Sakkaden zu aufeinanderfolgend angezeigten Licht-Reizen umstritten.

Heute weiss man, dass diejenige Komponente der Blicksteuerung, die durch das Frontalhirn bewerkstelligt wird, bei einer überproportional großen Zahl von Legasthenikern nicht altersgerecht entwickelt ist. Die reflexartigen Sakkaden und die Haltefunktion des Blicks sind dagegen nicht systematisch betroffen. Insbesondere sind auch die Augenmuskeln von Legasthenikern in aller Regel gesund.

Express Saccade Makers

Wir haben einige Personen gefunden, die in der Gap Sakkaden-Aufgabe ausschließlich Express-Sakkaden machen und in der Overlap-Aufgabe mehr als 30% Express-Sakkaden. Diese seltenen Personen können normale Lese-Fähigkeiten haben, aber in der Gruppe der D2 Legastheniker treten sie mit vierfacher Häufigkeit auf. Diesen Express-Saccade-Maker fällt es schwer, die Fixation beizubehalten: bei der Aufgabe, ihren Blick zu fixieren, wenn ein späteres Blickziel kurz angezeigt wird, und in der Anti-Sakkaden Aufgabe haben sie Schwierigkeiten, die schnellen reflexiven Sakkaden auf den plötzlich erscheinenden Reiz zu unterdrücken. Die Legastheniker, die normalerweise wenige Express-Sakkaden machen, zeigen in der Anti-Sakkaden Aufgabe längere Reaktionszeiten. Eine mögliche Erklärung für diese Ergebnisse beinhaltet ein Defizit im Fixationssystem, sei es kortikal oder tektal (siehe Munoz & Wurtz, J. Neurophysiol.1993). Dies kann isoliert auftreten oder in Verbindung mit Schwächen bei der selektiven Aufmerksamkeitsausrichtung und/oder bei der willkürlichen Steuerung der Blickrichtung.

Alters-Abhängigkeit / Entwicklung

Legasthenie wird häufig erkannt im Alter von 8 bis 15 Jahren. Bei Kindern dieses Alters findet eine rasche Entwicklung der Sakkaden-Kontrolle statt. Diese Alters-Abhängigkeit ist dramatisch im Anteil unabsichtlicher Sakkaden und weniger stark ausgeprägt in der Reaktionszeit normaler Sakkaden.

Diagnose-Methoden

Die Diagnose einer Legasthenie ist schwierig, da oft neben Lese- und Rechtschreibschwächen auch andere Teilleistungsstörungen bestehen. Diese können jedoch heute mit einer neuropsychologischen Testbaterie erfaßt werden, zu der in jedem Fall ein Intelligenztest gehören muß. (Selbstverständlich müssen Fehlsichtigkeiten der Augen korrigiert sein.)

Zu diesen subjektiven Methoden treten heute die Ergebnisse des Tests der Blicktüchtigkeit. Dabei wird die Reflexbereitschaft einerseits und die willkürliche Blicksteuerung andererseits quantitativ bestimmt, indem die Testperson einfache Blicksprünge in Richtung auf einen Lichtpunkt oder in die jeweils entgegengesetzte Richtung durchführen muß. Durch Messung der Reaktionszeiten und der "Fehlstarts" in die zunächst falsche Richtung mit anschließender Korrektur läßt sich feststellen, wie effektive die Blicksteuerung entwickelt ist. Diese objektiven Maßzahlen können zur Diagnose der Legastenie und zur Klärung ihrer Ursachen beitragen.

Etwa 70 Prozent von fast 100 untersuchten Legasthenikern zeigten Schwächen der Blicktüchtigkeit, jedoch nur 20 Prozent der Kontrollkinder. Knapp die Hälfte der Legastheniker hatte Schwierigkeiten beim Fixieren. Etwa 60 Prozent konnten ihren Blick nicht zuverlässig willentlich steuern. Daher ist es wichtig, bei Verdacht auf Legasthenie die Blicktüchtigkeit zu prüfen, siehe auch unsere neu gegründete Diagnose- und Beratungsstelle zu Legasthenie u.a..

Tägliches Üben bestimmter Blickfunktionen kann Entwicklungsrückstände aufholen und bessere Voraussetzungen für den Erwerb der Schriftsprache schaffen.

Neues Meßgerät

Ein schneller und einfacher Test für die Blicktüchtigkeit einer Person, (d.h. die Fähigkeit reflexive und bewußt gesteuerte Sakkaden durchzuführen) ist jetzt möglich mit dem transportablen Meßgerät Express-Eye, das von einer Firma für medizinische Geräte in Zusammenarbeit mit unserem Labor entwickelt wurde.

Wirkung des Trainings auf das Lesen

In einer Studie wurde gezeigt, daß eine Gruppe legasthenische Kinder mit Defiziten in der Blicksteuerung nach einem erfolgreich durchgeführtem Training von einem Lese-Unterricht deutlich mehr profitiert, als eine altersgleiche Gruppe, die vorher nicht trainiert hatte.

Literatur

Biscaldi, M., Fischer, B. & Hartnegg, K. (2000). Voluntary saccade control in dyslexia. Perception, 29, 509-521.
Fischer, B., Biscaldi, M. & Gezeck, S. (1997). On the development of voluntary and reflexive components in human saccade generation. Brain Research, 754, 285-297.
Fischer, B., Gezeck, S. & Hartnegg, K. (1997). The analysis of saccadic eye movements from gap and overlap paradigms. Brain Research.Brain Research Protocols, 2, 47-52.
Fischer, B. & Hartnegg, K. (2000). Effects of visual training on saccade control in dyslexia. Perception, 29, 531-542.

Author: Dr.M.Biscaldi, Prof.Dr.B.Fischer
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