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Internationales Experten - Kolloquium über Legasthenie: Stand der
Forschung 1997
Unterstützt von
der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Auswärtigen Amt in Bonn, dem
Bundesverband Legasthenie und dem Land Mecklenburg-Vorpommern
Während der Fachtagung des Bundesverbandes Legasthenie Deutschland
1997 in Greifswald fand ein internationales wissenschaftliches
Colloquium statt. Prof. Dr. B. Fischer (Universität Freiburg) hatte
zusammen mit Frau Dr. M. Biscaldi Wissenschaftler verschiedener
Fachrichtungen aus 6 verschiedenen Ländern eingeladen. Die
Wissenschaftler hatten nicht nur das Ziel, sich gegenseitig ihre
neuesten Ergebnisse zu erläutern, sondern sie waren aufgefordert,
gemeinsam den gegenwärtigen Stand der Forschung in wenigen
Sätzen zu formulieren, um sie der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen.
Was ist Legasthenie?
- Die Lese- und Schreibprozesse sind extrem kompliziert und setzen die
Koordination vieler verschiedener Hirnfunktionen voraus. Probleme
können auf mehr als einer funktionellen Ebene entstehen.
- Legasthenie ist eine neurobiologisch begründete Schwierigkeit
beim Erlernen der Schriftsprache im Vergleich zum Erlernen anderer
intellektueller Fähigkeiten des Betroffenen.
- Legasthenie ist angezeigt, wenn die Ergebnisse eines
Intelligenztests und eines Lese-Rechtschreibtests deutlich
verschieden sind (Diskrepanz-Kriterium). Eine Abgrenzung einer
reinen Legasthenie von Lese-Rechtschreibproblemen ohne neurologische
Ursachen ist oft schwierig.
Ursachen der Legasthenie
- Erbfaktoren scheinen in vielen Fällen eine Rolle zu spielen.
Verbindungen mit Chromosom 6 und 15 sind nachgewiesen, weitere
werden gegenwärtig erforscht. Derzeit gibt es keinen
genetischen Diagnose-Test.
- Legasthenie steht in Verbindung mit Normabweichungen
neuroanatomischer und hirnfunktioneller Merkmale.
- Derzeit gibt es gesicherte Hinweise für eine ganze Reihe von
Fehlleistungen, die mit Lese-Rechtschreibschwächen verbunden
sind. Darunter sind phonologische Schwächen, Schwierigkeiten
bei der zeitlichen Verarbeitung visueller und auditorischer Reize
sowie deren Abhängigkeit von Aufmerksamkeitsprozessen und
Schwächen der motorischen Steuerung.
- Unregelmäßigkeiten der Blicksteuerung und binokuläre
Instabilität werden mit Lese-Rechtschreibschwächen
verbunden.
- Seh- und Hörschwächen können bei der Entstehung von
Lese-Rechtschreibschwächen ein Rolle spielen.
- Methoden zur Bestimmung verschiedener Verarbeitungsprozesse bei
Lese-Rechtschreibschwäche wurden entwickelt.
Hilfen bei Legasthenie
- Bevor andere Behandlungen bei Lese-Rechtschreibschwäche erwogen
werden, sollten Hören und Sehen getestet und gegebenenfalls
behandelt werden.
- Es ist wichtig, Kinder zum Lesen zu ermuntern, da das Üben des
Lesens selbst die Leseleistungen verbessert. Kinder mit
Leseschwächen vermeiden es oft, zu lesen, und erhöhen
damit ihre Schwierigkeiten noch mehr. Elterliche Hilfe und
computerunterstütztes Lesen kann helfen, die Kinder zum Lesen
zu motivieren. Schwere Fälle sollten wie Krankheiten angesehen
und behandelt werden.
- Da der Lese-Rechtschreibschwäche verschiedene Arten von
Schwierigkeiten zugrundeliegen können, ist es notwendig, die
Art der Hilfe für jede Person gesondert festzulegen. Übung
der phonologischen Wahrnehmung hilft vielen Kindern. Die Wirkung
anderer Methoden zum Training sensomotorischer Prozesse und ihrer
zeitlichen Verarbeitung werden erforscht.
- Viele Hilfsmittel werden angeboten, deren Wirksamkeit nicht
wissenschaftlich gesichert ist. Eltern und Lehrer sollten vorsichtig
sein, wenn sie teure Geräte oder Programme kaufen, die nicht
geprüft worden sind.
Die Autoren: A. Warnke (Würzburg); G. Schulte-Körne (Marburg);
S. Smith (Boulder, USA); H. Wimmer (Salzburg, Östereich); J. Stein
(Oxford, England); N. v. Steinbüchel (München); M. Biscaldi
(Freiburg); G. McConkie (University of Illinois, USA); J. Hyöna
(Turku, Finland); B. Fischer (Freiburg). Mit der Unterstützung
einer Lehrerin, I. Weigt (Kiel) und einer Mutter von 2 legasthenischen
Kindern, U. Jung (Bosau).
Die Beiträge zum Experten-Colloquium in Greifswald, 1997
Andreas Warnke, K. Hennighausen, and H. Remschmidt
(University of Würzburg, Germany):
"Dyslexia: anatomical and functional conditions of cortical information
processing"
Gerd Schulte-Körne, T. Grimm, M. Nöthen, and H. Remschmidt
(University of Marburg, Germany):
"Genetics of reading and spelling disability - Results of family studies
and linkage analyses"
Shelley Smith and Richard Olson
(University of Colorado, USA):
"Genetic and environmental influences in dyslexia"
Gerd Schulte-Körne, W. Deimel, J. Bartling, K. Hennighausen, and H. Remschmidt
(University of Marburg, Germany):
"Neurophysiological examination of auditory processing abilities in
spelling disabled children and adults"
Heinz Wimmer
(University of Salzburg, Austria):
"Is the phonological deficit explanation of dyslexia correct for German
dyslexic children?"
John Stein
(University of Oxford, England):
"The magnocellular theory of developmental dyslexia"
Nicole von Steinbüchel
(University of Munich, Germany):
"Association of temporal discrimination and laguage competence in
aphasic patients, reading and writing impaired children, and children
with dyslexia"
David Zola, and G. McConkie
(University of Illinois, USA):
"Children's word perception: oculomotor control and perceptual strategy"
Monica Biscaldi, and B. Fischer
(University of Freiburg, Germany):
"Reflexive and voluntary components of saccade control in dyslexia"
Jukka Hyöna
(University of Turku, Finland):
"Dyslexic readers' eye movement patterns in reading and non-reading
tasks"
Ivar Lie
(University of Oslo, Norway):
"Visual factors in reading difficulties" (Paper referred by J. Stein)
Weitere Informationen über:
Beratung / Kontakt Blicklabor
letzte Änderung: 30. November 2008