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Optomotorik
> Wahrnehmung
> Blicken
Blicken / Blicksteuerung / Augenbewegung
Hintergrund
Wir sehen nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn: Unsere
Augen können von den aufgenommenen Bildern nur wenig mehr verstehen
als eine Kamera. Erst im Gehirn werden die Bilder in vielen
Verarbeitungs-Schritten analysiert, interpretiert und verstanden.
Daher können auch bei intakten Augen Wahrnehmungsschwierigkeiten
auftreten.
Blick-Sprünge (Sakkaden):
Die Augen des Menschen können nur in einem Bruchteil des
Gesichtsfeldes scharf sehen, daher tasten wir unsere Umgebung mit 3 bis
5 Blicksprüngen pro Sekunde ab. Das Gehirn steuert diese
Blicksprünge und setzt die Einzelbilder zu einem Gesamt-Eindruck
zusammen.
Hirnforschung:
Rund 40 Prozent der Hirnrinde sind mit der
Verarbeitung der Signale der ca. 120 Millionen Sinneszellen pro Auge und
mit der Steuerung der Augenbewegungen beschäftigt. Daher
können mit geschickt ausgewählten Experimenten aus den
Augenbewegungen Rückschlüsse auf die Arbeit verschiedener
Hirnareale gezogen werden. Dazu müssen die Augenbewegungen gemessen
werden, siehe Verfahren zur Prüfung der
Blicktüchtigkeit.
Untersuchungs-Methode
Bei der Bestimmung der Reaktionszeiten bei Pro- und Antisakkaden wurden multimodale Verteilungen
festgestellt. Dies bedeutet, dass verschiedene Hirnprozesse mit
verschieden langer Bearbeitungszeit an der Steuerung der
Blicksprünge beteiligt sind. So konnten die Unterfunktionen der
Blicksteuerung aufgeschlüsselt werden: Die Einflüsse der Aufmerksamkeit, der Fixation, und die Auslösung der
optomotorischen Reflexe (Express-Sakkaden)
wurden unter Ausnutzung des Gap-Effekts
gefunden und in einem Modell (3-loop-modell)
zusammengefasst.
Eine Einführung findet sich an anderer
Stelle, ebenso ein Review-Artikel zur
Bedeutung der Anti-Sakkaden.
Mit zwei einfachen Experimenten können in ca. 30 Minuten mehrere
Parameter der Blick-Steuerung einer Versuchsperson bestimmt werden, die
Auskunft geben über die Güte von Fixation, reflexive und
bewusst gesteuerte Blick-Sprünge. Hierzu werden die
Augenbewegungen gemessen, während die Versuchsperson nacheinander
in zwei leicht unterschiedlichen Messungen auf angezeigte Lichtpunkte
schaut.
Für mehr Details zu diesen beiden Messungen und zur Bedeutung
der "Anti-Aufgabe" lesen Sie bitte die Methodik.
Forschungs-Ergebnisse
Der Optomotorische Zyklus:
Nimmt man alle experimentellen und klinischen Beobachtungen
zusammen, so ergibt sich das Bild eines Zyklus von Fixationen und
Sakkaden, die wie in einem Stop-And-Go-Verkehr ausgelöst werden
können. Dieser Zyklus darf allerdings kein Eigenleben haben,
sondern muss in den Zusammenhang sinnvoller Handlungen eingebaut
sein. Die entsprechende Kontrolle wird durch das Frontalhirn
übernommen. Das Schema zeigt den optomotorischen Zyklus und
diese Kontrolle
Alters-Entwicklung bis Alter 20:
Die Blick-Steuerung, insbesondere die willentliche Komponente, die
von höheren Hirn-Funktionen gesteuert wird, zeigt eine
deutliche Altersentwicklung, besonders stark während der ersten
Schuljahre, Details finden Sie in diesen Alters-Kurven:
deutsch
englisch
Entwicklungs-Rückstände:
Bei einigen Kindern entwickeln sich manche Komponenten
der Blick-Steuerung langsamer oder schwächer
als bei gleichaltrigen Kontroll-Personen.
Besonders betroffen ist die vom Frontal-Hirn gesteuerte
willentliche Komponente der Blick-Steuerung.
Ca. 20% bis 50% der
legasthenischen Kinder,
etwa die Hälfte der
rechenschwachen Kinder
und der Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zeigen
dieses Defizit in der Blicksteuerung,
siehe Vergleichs-Grafik.
Auch Kinder mit anderen Entwicklungs- und
Lernstörungen zeigen oft Entwicklungsrückstände
in ihrer Blicksteuerung.
Blick-Training
Für ein Training
der Blick-Steuerung wurde das Gerät FixTrain entwickelt.
Es wird Betroffenen für die Dauer von wenigen Wochen ausgeliehen.
Die Trainings-Empfehlung wird individuell auf Basis der Messung der
Blick-Steuerung aufgestellt.
Das Blick-Training ersetzt keinen Lese-Unterricht, sondern es schafft
bessere Voraussetzungen für eine nachfolgende pädagogische
Förderung.
Wirkung auf die Blick-Steuerung
In knapp 200 Nachuntersuchungen wurde die Wirkung des Trainings
auf die Blicksteuerung geprüft.
Das Blicktraining ist in etwa 85% der Fälle erfolgreich.
Das Blicktraining wirkt spezifisch nur jeweils auf die
Blickkomponenten, die Teil des individuellen Trainings-Programms
waren. Die Wirkung kann daher nicht auf einem Placebo-Effekt
beruhen.
In einer unabhängigen Studie haben amerikanische Wissenschaftler
der Universität Georgia die Wirkung des selben Trainings bei
Studenten untersucht und die von uns beobachteten
trainings-abhängigen hochspezifischen Effekte bestätigt.
Auswirkung auf das Lesen-Lernen
Das Blicktraining erleichtert nachgewiesenermaßen das Lesen-Lernen:
Eine Studie der Freiburger Uniklinik
für Kinder- und Jugendpsychiatrie ergab einen bedeutenden
und statistisch signifikanten Unterschied in der Anzahl Lesefehler
zwischen zwei Gruppen von Lese-Rechtschreibschwachen Kindern.
Die untrainierte Gruppe konnte ihre Lesefehler durch zusätzlichen
Lese-Unterricht nur um 20% verringern, während die trainierte Gruppe
ihre Fehlerzahl halbierte. Dabei hatten beide Gruppen die gleiche
Leseförderung gemeinsam bekommen. Besonders deutlich
profitieren die Kinder ab Alter 8. Bei den ältesten Schülern
in der Studie hatte der Leseunterricht alleine gar keinen Effekt, doch
sie profitierten besonders stark vom Training, es trat sogar bereits
eine deutliche Verbesserung unmittelbar nach dem Training auf,
noch vor dem Leseunterricht.
Weitere Wahrnehmungsprobleme
Die schulischen Lernprozesse können auch durch andere
Wahrnehmungsprobleme beeinträchtigt sein, dazu gehören:
Instabilitäten der Blickrichtung und der beidäugigen
Koordination durch unkontrollierte kleine Augenbewegungen,
Schwächen in der
visuellen Simultanerfassung
(Zählen kleiner
Mengen) und der
sprachfreien auditiven Hörverarbeitung.
Studien / Literatur-Hinweise
Dyckman KA, McDowell JE.
Behavioral plasticity of antisaccade performance following daily practice.
Exp Brain Res. 2005 Mar;162(1):63-9. Epub 2004 Nov 13.
(abstract)
Biscaldi M, Fischer B, and Hartnegg K (2000)
Voluntary saccade control in dyslexia
Perception 29: 509-521
(abstract)
Fischer B, Hartnegg K (2000)
Stability of gaze control in dyslexia
Strabismus 8: 119-122
(abstract)
Fischer B, Hartnegg K (2000)
Effects of visual training on saccade control in dyslexia
Perception 29: 531-542
(abstract)
Fischer B, Biscaldi M (1999)
Saccadic Eye Movements in Dyslexia
In: Everatt J (ed) Reading and Dyslexia. Routledge, pp 91-121
Fischer B, Biscaldi M, and Gezeck S (1997)
On the development of voluntary and reflexive components in human saccade generation
Brain-Res 754: 285-297
(abstract)
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